_Im Gespräch mit Peter Baldinger, 24. Februar 2007

_Die Ahnung einer Gewissheit

_Versuch einer Annäherung


IM GESPRÄCH MIT PETER BALDINGER
24. FEBRUAR 2007

Ulrike Guggenberger: Deine Ansichten menschlicher Köpfe von hinten, implizieren für mich Verunsicherung und Verweigerung.

Peter Baldinger: Verweigerung und Unsicherheit hängen eng zusammen. In jedem dieser Bilder ist viel von mir, auch von meinem Schutzmechanismus, nicht fassbar zu sein. Eine Unfassbarkeit, die gleichzeitig Anziehung ausübt. Die von mir dargestellten Menschen können nicht auf den ersten Blick eingeordnet werden. Sie sind zugleich realistisch und, speziell bei Riffelglasbildern, auch abstrakt. Diese Vorliebe für einen latenten Unsicherheitszustand hängt mit meiner Biografie zusammen. Ich wurde zur Sicherheit erzogen: alles sollte in geregelten Bahnen verlaufen und gehalten werden, jedes Abweichen von bürgerlich festgeschriebener Normalität erzeugte Angst. Tagtäglich wurde Sicherheit gelebt. Irgendwie habe ich selbst mich dabei mit der Angst verbündet und lebe Unsicherheit. Und um Überleben zu können, habe ich für mich festgelegt, dass der Wunsch nach absoluter Sicherheit ein katastrophaler Fehler ist. Sicherheit ist mir suspekt, es gibt sie nicht.

Guggenberger: Wie wirkt sich das auf deine künstlerische Arbeit aus?

Baldinger: In erster Linie produziere ich einfach Bilder. Ich empfinde eine starke Notwendigkeit, mir ein Bild zu machen.

Guggenberger: Ein Bild ist immer ein Bild von etwas. 

Baldinger: Ich beobachte die Welt und die Menschen als optisches Ereignis, so mache ich mir ein Bild.  Ich beschäftige mich nur mit der Optik der Äußerlichkeit. Ich nehme die äußere Hülle wahr und mache davon ein Bild. Ich halte die Geringschätzung der äußeren Erscheinung für falsch, weil ich weiß, dass sie immer für etwas steht.

Guggenberger: Die Oberfläche ist also nicht rein oberflächlich?

Baldinger: Jegliche Oberfläche steht in einem Zusammenhang mit dem von ihr umgebenen Inhalt, steht für etwas, beispielsweise für das Gefühlsleben eines Menschen. Die Oberflächenhülle kann auch etwas vortäuschen, ich schaue auf die Oberfläche, ich versuche aus ihr den Inhalt zu lesen.

Guggenberger: Und du erfährst dabei etwas Neues?

Baldinger: Ich lerne daraus, mache meine Erfahrungen. Lernen ist letztlich das einzige, was am Ende jeden Tages zum Eigenen dazugekommen ist. In meine Darstellung des Erlernten lege ich aber nichts hinein. Ich meine, ich bringe die Erkenntnis nicht in den Vordergrund. Ich male oder zeichne nur die äußere Optik, das Bild zu kommentieren überlasse ich dem Betrachter.

Guggenberger: Willst du im Betrachter etwas bewirken, Kunst beansprucht doch einen gesellschaftlichen Auftrag?

Baldinger: Um den so genannten Auftrag kümmere ich mich überhaupt nicht. Sich ein Bild zu machen, ist eine Notwendigkeit des Menschen. Ich mache es. Fertig.

Guggenberger: Im Sinne des Künstlers als Genie, der aus einem inneren unbestimmbaren Antrieb heraus schaffen muss?

Baldinger: Ich will ein einfach ein Bild herstellen, weil ich es muss. Ich will ein Bild machen, weil ich natürlich etwas mitzuteilen habe, unabhängig davon, was andere darin sehen.

Guggenberger: Du musst dir also dein eigenes Bild machen. Hast du selbst einen Erkenntnisgewinn?

Baldinger: Ja, wie schon gesagt, den habe ich. Jedes einzelne Bild bringt mich einen Schritt weiter. Jede Serie komplettiert ein unbestimmtes Konvolut, das von mir letztlich gemacht werden muss, jedes fertige Bild ist ein Bild von mir, das ich von der Welt gemacht habe. Letztlich gestaltet man so die Welt. Das tut jeder. Ich gestalte meine Welt.

Guggenberger: Mit jedem Bild von dir erfahre ich etwas über mich und zugleich über dich.

Baldinger: Darüber, dass ich gegen den Aberglauben der kollektiven Sicherheiten anrenne.

Guggenberger: Stellst du dem Betrachter die Frage nach Gewissheit? Du willst Sicherheiten aufbrechen und bist dann selbst verunsichert, stehst also aus eigenem Wunsch auf unsicherem Boden, in einer selbst verursachten Ungewissheit?

Baldinger: Ich interessiere mich nicht dafür, den Betrachter etwas zu fragen, vielmehr stelle ich die Frage ständig an mich selbst. Ursprünglich, etwa in Höhlenmalereien, hatten Bilder die Aufgabe zu bannen. Meine Bilder bannen etwas Unbestimmtes. Sicher ist nur, ich male nicht ohne zwingenden Grund, habe aber noch keine Antwort auf meine Fragen. Ich weiß nur, dass ich niemanden belehren will, weder politisch, noch religiös, oder gesellschaftskritisch. Niemanden, außer mich selbst.

Guggenberger: Du wehrst dich gegen etwas Unbestimmtes?

Baldinger: Ich wehre mich gegen die Pflicht zur Korrektheit, gegen das Regulativ, dagegen, dass soviel wie möglich stimmen, richtig sein muss. Das ist mir zuwider, das interessiert mich nicht.

Guggenberger: Was für viele stimmt, stimmt für dich also nicht, ist für dich nicht relevant?

Baldinger: Ich denke, dass immer nur stimmt, was für den Einzelnen stimmt. Viele glauben, sich an Regeln halten zu müssen, um außer Gefahr zu sein. In der künstlerischen Arbeit muss man das nicht.

Guggenberger: Die Gesellschaft hält sich den Künstler, weil er Regeln bricht?

Baldinger: Es ist genau umgekehrt, ohne Künstler gibt es die Gesellschaft nicht. Eine in Regeln und Sicherheit erstarrte Welt ist nicht lebensfähig, da sie sich nicht weiter entwickelt. Der Künstler ist der Gesellschaft immer einen Schritt voraus. Er schlägt etwas vor, das von Anderen als Modell aufgegriffen werden kann. 

Guggenberger: Peter Baldinger zeigt also letztlich mit seinen Bildern die Ungewissheit der uns umgebenden Welt.

Baldinger: So ist es wahrscheinlich. Etwas anderes könnte ich nicht zeigen, da ich etwas anderes nicht sehe.

Guggenberger: Du malst Individuen, weil sie den Unsicherheitsfaktor darstellen?

Baldinger: So wie ich den einzelnen Mensche sehe, zeigt ein Bild der Unschärfe, der Unsicherheit für den Betrachter. Ein Porträt von hinten, ein Individuum durch eine Riffelglasscheibe betrachtet, vermittelt Unschärfe und hinterlässt Unsicherheit.

Guggenberger: Deine Individuen befinden sich in einem andauernden Schwebezustand?

Baldinger: Ich hebe sie aus der Masse hervor, aber sie bleiben undeutlich. Ich will damit sagen: Was man sieht muss nicht sein, was es ist. Wir leben mit Vorurteilen, die wir ständig anwenden. Das ist nicht von vornherein negativ, sondern eher selbstverständlich, weil wir ein optisches Sinnesorgan haben. Wir ordnen unsere optischen Eindrücke in den Katalog unserer Erfahrungen ein. Das ist fürs erste auch normal. Schlimm ist nur, wenn wir aus Bequemlichkeit oder Unbelehrbarkeit beim ersten Eindruck bleiben und diesen nicht korrigieren, auch wenn bereits eine bessere Erkenntnis vorhanden ist. Ich habe Vorurteile und muss sie auch immer wieder neu überprüfen. Dabei lerne ich.

Guggenberger: Wie kommt es zu der Serie von Porträts türkischer Menschen?

Baldinger: Jedes Projekt hat unmittelbar mit dem momentanen Erleben zu tun. Ich war in den vergangenen Jahren oft in Istanbul, habe Freunde dort. Es gibt eine starke Verbindung dorthin. Und da ich meine Sujets immer bei den Menschen finde, die mich gerade umgeben, kam es dazu.

Guggenberger: Du malst ausschließlich Menschen?

Baldinger: Alles andere braucht nicht porträtiert zu werden.

Guggenberger: Weshalb?

Baldinger: Es gibt perfekte technische Medien, die Oberflächen, Situationen punktgenau darstellen können. Wie eine Landschaft wirkt, oder wie sich ein Ding angreift, kann ich auf einem Hochglanzfoto sehen und dadurch fühlen. Menschen sind deshalb das einzig Interessante, weil sie eben diese lebenden Unsicherheitspakete in einer Oberflächenverpackung sind.

Guggenberger: Menschen haben auch Körper.

Baldinger: Das Porträt nimmt in der Geschichte der Malerei eine besondere Stellung ein. Es hat einen langen Entwicklungsprozess gemacht, ausgehend von der Darstellung von Göttern, Herrschern, Helden, Kirchenfürsten, später reicher Kaufmänner, Bürger ... Alle diese Dargestellten besaßen Macht, sie standen irgendwie über den anderen. Mit den Hollywood-Diven änderte sich zwar der Inhalt, aber nicht das Konzept: Jemanden Außergewöhnlichen darzustellen, bzw. ihn durch die Medien außergewöhnlich erscheinen zu lassen. Jetzt kommt es zur Vermischung: Schönheit zum Beispiel wird über das Verkaufsargument als Modell, als Konsumartikel benützt. Und das millionenfach. Da interessiert mich die Frage nach Anonymität bei gleichzeitiger Individualität.

Guggenberger: Daher der Wunsch ein individuelles Porträt zu machen?

Baldinger: Es existiert eine Massenindustrie für Individualität.

Guggenberger: Gehst du dagegen an?

Baldinger: Warum sollte ich? Es ist der Stoff für meine Bilder. Ich bemerke diese Entwicklung und gebe mit meinen Bildern einen Zustandsbericht. Gleichzeitig darf Kunst nicht trocken sein. Sie soll auch Spaß machen.

Guggenberger: Du machst nun seit rund zehn Jahren immer wieder Porträts, die den Kopf von hinten abbilden. Hat sich an Deiner Einstellung nichts geändert? 

Baldinger: Doch. Die entwickelt sich natürlich weiter. Es verändern sich auch die Bilder, die Technik oder Arbeitsweise. Es gibt ja unzählige Möglichkeiten des Filterns, das Unschärfe erzeugt. Ich schneide ja auch hunderte kleine Portraits aus Zeitungen aus, arrangiere sie zu Tableaus und übermale sie, sozusagen mit zu grobem Pinsel, um die individuelle Kontur zu verwischen. Aber es besteht kein Grund, meine Serie von Hinterköpfen nicht fortzusetzen.

Guggenberger: Du produzierst also tatsächlich Negativikonen, wie Anton Gugg in seinem Salzburger Kunstlexikon über dich schreibt?

Baldinger: Mir gefällt der Ausdruck. Ja.

Guggenberger: Deine Kunst ist also konzeptiv?

Baldinger: Es gibt nur konzeptive Kunst, alles andere hat vielleicht mit Dekoration zu tun, aber nicht mit Kunst.

Guggenberger: Kann man sagen, dass du das Porträt als Hinterkopf, als deine Erfindung ansiehst?

Baldinger: Ich habe nichts erfunden, ich habe nur eine Sicht gewählt. Das Gesicht des Menschen ist so angelegt, dass es den Anderen anspricht, diese sichere Codierung entfällt bei meinen Porträts. Meine Porträts kommen ohne primäre Ansprechfaktoren aus.

Guggenberger: Steckt da auch der Gedanke dahinter, dass jedes Individuum im Kern seines Wesens unfassbar bleibt?

Baldinger: So ist es eben.

Guggenberger: Dahinter verbirgt sich auch das Geheimnis des Künstlers Peter Baldinger?

Baldinger: Ich habe kein Geheimnis. Ich bin durch das, was ich mache, erkennbar. Durch die Beschäftigung mit dem Geheimnis der von mir porträtierten Menschen gebe ich mich bereits preis.

Guggenberger: Steckt dahinter eine Scheu vor den Menschen?

Baldinger: Ja, ich male mir die Menschen weg.

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DIE AHNUNG EINER GEWISSHEIT

Es gab eine Zeit, da war der Mensch, die figurative Malerei insgesamt Nebenthema in der Kunst. Das hat für Peter Baldinger nie gegolten.  Er malt weil er malen muss: "Solange ich denken kann, habe ich Menschen dargestellt".

Die narrativen Bilder, Freunde, Familienmitglieder, Eindrücke von Reisen darstellend, stehen am Anfang seines künstlerischen Tuns. Es folgt die Phase des klassischen Porträtbildes, ohne Hintergrund, ohne Geschichte, einfach die Köpfe von Menschen. In der Weiterentwicklung schließlich Köpfe von hinten. Warum? "Weil wir im Laufe eines Tages mehr Menschen von hinten sehen als von vorne" ist die Erfahrung, die Peter Baldinger als Mensch unter Menschen macht und weil ihn fasziniert, dass wir uns bekannte Personen auch von rückwärts erkennen, ohne zusätzlich nachdenken zu müssen. Wir haben ihre Silhouette tief in uns gespeichert und können ihr individuelles Erscheinungsbild jederzeit in uns abrufen und aktivieren. Selbst bei anonymen, uns unbekannten Menschen, können wir von rückwärts sehr viel über sie sagen. Diese Identifikationszuweisung ist eine spannende Erfahrung und gibt zu denken.

Baldinger geht mit seinen hintergründigen Kopfansichten in Serie. In der heimischen, wie internationalen Kunstszene werden diese Arbeiten beachtet und vielfach rezipiert. Er selbst nennt als Anstoß für seine Hinterkopf Serie die Erfahrung in seinem ursprünglichen Brotberuf als Fotojournalist und Lokalreporter, unter anderem auch für die Gerichtsseite, wo Köpfe, isoliert, für die sonst nicht abbildbaren Ereignisse und Schicksale stehen. Oberflächlich gesehen macht Baldinger den Typus Polizeibild salonfähig, ein rasches Vorurteil. Vielmehr deutet Baldinger mit diesen Chipcards an, dass jeder  Einzelne zählt und sich wesentlich vom  anderen unterscheidet. Jeder einzelne von ihm gemalte Kopf bestätigt ein Original. Eine politische oder gesellschaftskritische Botschaft will Baldinger damit nicht transportieren, er konstatiert nur und sinniert, zum Beispiel über Vorurteile. Wir nähern uns einem Menschen und machen uns zunächst ein Vor-Urteil von ihm, eine notwendige Überlebensstrategie. Wenn wir über das bloße Sehen hinausgehen, werden wir unser Vor-Urteil redigieren und eine Be-Urteilung treffen, die darüber hinausgeht.

Das Thema, das in Baldinger weiter brodelt, ist die Grauzone zwischen Anonymität und Identität. Unsere Intuition und unser Sinnesorgan Auge spielen zusammen und formen uns das Bild von einem Menschen, wir erkennen einen Freund oder einen Unbekannten. Da überrascht Baldinger eine weitere Erfahrung: Selbst in den unscharfen, verschwommenen, aufgelösten Silhouetten durch die Riffelglasscheibe einer Glastür, können wir bekannte von unbekannten Menschen unterscheiden, selbst wenn sich ihre Körper nach außen auflösen, ihre Grenzen zerfließen. Sein weiteres malerisches Werk ist von dieser Beobachtung geprägt, Peter Baldinger entgrenzt. Weitere Erkenntnisse aus seiner Beobachtung folgen: Jede minimale Veränderung hinter der Riffelglasscheibe lässt ein neues Bild entstehen. Baldinger geht wieder in Serie. Auch wenn er jetzt nichts anderes als die Wirklichkeit, die er durch die geriffelte Glasscheibe sieht, auf die Leinwand überträgt, erscheint das Bild für den Betrachter unwirklich, abstrakt. Das Medium Riffelglasscheibe wird ihm zur Metapher für den Filter, den wir täglich anwenden. Wir sortieren und trennen die so genannte Wirklichkeit durch unser Filter der ganz persönlichen Wahrnehmung.

Für das neue Polytechnikum in Mattighofen hat Peter Baldinger einen Zyklus von vier Wandgemälden 293 cm x 390 cm geschaffen. Ihre üppig-sinnliche Farbigkeit, ihre plastisch-räumliche Bewegtheit, ihre kraftvolle Gegenwärtigkeit ist die erste Stufe der Wahrnehmung, die uns, den Betrachter zunächst ganz in den Bann zieht. Je weiter wir uns aber von den Gemälden entfernen, desto näher kommen wir dem Thema. Es erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Der von Peter Baldinger angewandte Wahrnehmungsfilter schiebt sich dazwischen. Baldinger verschiebt die Erkennungsgrenze der Wirklichkeit bis zu dem Punkt, an dem der Wiedererkennungseffekt bricht. Es scheint, als könnten wir die dahinter liegende Wirklichkeit erst in der Entfernung von ihr, in der Reflexion erkennen. Wir sind gezwungen unser Vor-Urteil zu redigieren. Der Titel des Zyklus lautet "where we are".  Eine Annäherung an die vier Grundfreiheiten des Menschen: die Freiheit der Rede und der Religion, die Freiheit von Not und von Angst. Im Zentrum des Zyklus steht somit der Mensch und seine wesentlichen Befindlichkeiten. Wir sind wieder bei dem von Baldinger eingangs erwähnten Satz: "Ich stelle, solange ich denken kann, Menschen dar". Daran schließt er an : "Kunst setzt immer einen konkreten Willen voraus". Peter Baldinger besitzt diesen unbedingten Willen zur Kunst. Seine Konzept heißt: "Der Betrachter soll ein flaues Gefühl haben, da ist etwas, so, als würde ich in einem Boot stehen, Gegenstände auf dem Wasser beobachten und dabei leicht schwindlig werden."

Rezeptionszeiten müssen angesichts der unterhaltenden Bilderflut verkürzt werden. Innehaltende Aufmerksamkeit wird als romantische Attitüde desavouiert. Peter Baldinger weiß darum. Er lebt in dieser Welt, er läßt sich von ihren Bildern verzaubern. Er spürt der Verführungskraft dieser Images nach, enttarnt mit seinen Werkzeugen ihre vordergründigen Absichten, ohne ihnen gleichzeitig ihre obsessive Macht zu nehmen. Das auf dem ersten Blick widersinnige Verfahren, stark aufgerasterte Zeitungsbilder nachzumalen, erweist sich bei längerer Betrachtung als eine sinnstiftende, produktive Geste: Der gemalte Rasterpunkt ist nicht mehr flache Fläche sondern informationsträchtiger Mikrokosmos. Das Bild – dessen Vorbild aus wenigen Informationseinheiten bestand – wird damit zu einem Ort vielfältigster Überlagerungen, die von sich als Ergebnis einer ausgesprochen individuellen Handlung künden. Gleichgültig, ob die Porträtierten von hinten oder durch ein Riffelglas zu sehen sind, immer verweisen Peter Baldingers Bilder auf eines: Das oberflächlich Wahrgenommene – all das, was seine Subjektivität und Einmaligkeit verloren hat –, kann nur durch die Arbeit der Hand, durch den Einsatz des Körpers ins Bewußtsein zurückgewonnen werden. Der moderne Blick allein widersetzt sich der Geschichte, er ist absichtslos. Erst im sinnlichen Tun entsteht Zielgerichtetheit und damit Ahnung von Gewißheit.

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VERSUCH EINER ANNÄHERUNG

"Nicht identifizierbar", von hinten, durch eine Riffelglasscheibe, oder durch grobe Rasterung aufgelöst, ein Kopf, ein Gesicht, ein menschlicher Körper. Mit den Porträtserien "unidentified Washington D. C. 1999", findet Peter Baldinger zu einer malerischen Sprache der Verweigerung, die sich als widerständig gegenüber den gängigen Präsentationsmustern im zeitgenössischen Umgang mit Porträt erweist. Bereits im Textteil des Kataloges zu "unidentified" beginnt Peter Baldingers eigener Text mit einem klassischen Wort der Verweigerung: Nicht. Auf dieses "Nicht" hin zentriert sich seine malerische Arbeit, eine Passion, die bei Peter Baldinger schon früh durchbricht und ihn nicht mehr loslässt.

1958 in Linz geboren, ist Baldinger ab 1981, als Reporter lebensnaher Bildberichte bei einem Regionalblatt tätig.
Über die praktische Anwendung seines Arbeitsgerätes Fotoapparat findet er sich unversehens mit einem direkten Blick auf die Welt konfrontiert, der er sich in diesem Augenblick nicht entziehen kann. Selbst geschützt durch das technische Gerät, erlaubt ihm die Nähe zu seinem Objekt einen Zugang zur Realität, in dem der Anfang seines zunehmenden Unbehagens am Gesicht der Welt seinen Ursprung hat.

Ab 1985 arbeitet Baldinger als Polizeireporter in der Salzburger Redaktion der Kronen Zeitung. 1988 übersiedelt er in die Wiener Redaktion, ab 1989 illustriert zusätzlich er für den "Kurier" im wöchentlichen Farbmagazin. Als man ihm die Übernahme des Gerichtsressorts der "Krone" anbietet, wird er sich bewusst, dass er sich dem Auseinanderklaffen zwischen Realität und seiner Profession im Sinne journalistischer Wiedergabe nicht auf Dauer aussetzen will. 1991 beendet er seine Tätigkeit als Reporter bei Printmedien.

Peter Baldingers Arbeit als Bildreporter beeinflusst während all dieser Jahre den kontinuierlichen, niemals abgebrochenen Fortgang seiner Auseinandersetzung mit Malerei und später digitaler künstlerischer Bilderfassung. Nun drängt es ihn, sich wieder verstärkt der Malerei zuzuwenden. Noch findet sich wesentlich das erzählerische Moment im Umgang mit dem bildnerischen Medium, das wird sich in den folgenden Jahren ändern.

Ein Bildjournalist muss bis zu einem gewissen Grad auch immer Voyeur sein, eine Voraussetzung, die bei Baldinger, er spricht von einem "Hang zur stillen und geheimen, allemal voyeuristischen Beobachtung", existent ist. Aus der Gebrochenheit zwischen Wirklichkeit und Wiedergabe baut sich in ihm eine permanente Infragestellung medialer Praktiken und Präsentationsformen auf. Der Kunsttheoretiker und Philosoph Jean Baudrilliard sagte einmal: "... die Medien verhalten sich zur Wirklichkeit, wie eine Landkarte, die das Land überlagert."

Mit seinen Aufenthalten in den USA ab 1991 zeichnet sich bei Peter Baldinger eine erste Veränderung seiner bisher praktizierten Malweise ab, es entstehen pointierte, auf einen Blick erfassbare  Bildgeschichten als Übergang zum konzentrierten Einzelporträt.

Entstehen 1991 in Vermont noch narrative Zitate auf amerikanische Familienphotos des 19. Jahrhunderts, wie die Serie "Pets of Vermont", oder 1994 "Pets of Maine", so präsentiert Peter Baldinger 1995 mit dem "White Album" einen Rückblick auf seine eigene familiäre Herkunft von der Jahrhundertwende bis in die 1960er Jahre. In diesen Serien begründen sich Anfang und Ende der neuen Arbeiten, die der Künstler nun mehr als "Das Gesicht meiner Welt" bezeichnet.

In einem Akt der Umkehrung des Richtmaßes nach dem Wiedererkennungswert eines Porträts, finden sich ab 1998 Aquarelle auf Papier und Acrylarbeiten auf Leinwand als frühe Verweigerungsansichten des Malers Peter Baldinger.

Zunächst findet bei Baldinger die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Typus Porträtdarstellung in seiner historischen Entwicklung statt.

Sukzessive veränderte sich über die Jahrhunderte die Bedeutung des Porträts. Anfangs mit Macht ausgestatteter Herrscherkopf, Profil eines angesehenen bürgerlichen Handelsherren oder Patriziers, Bildnis eines hervorragenden Künstlers, das schöne Antlitz einer Frau, wurde das Porträt  im 20. Jh. zur Massenware. Medialer Starkult und Model-Hype bilden dabei eine gesonderte Szene. An der Kulturgeschichte des Porträts lassen sich soziale und politische Veränderungen ablesen.

Was Peter Baldinger immer wieder beschäftigt ist der Informationsverlust, der zwischen dem Ereignis und seiner medialen Darstellung in den Medien allgemein liegt. 1997, diesmal in Virginia, reagiert er auf diesen, für ihn spürbaren Bruch mit den "Disinformation Drawings", Arbeiten mit grob gerasterten Bildern, "... sozusagen von Hand digitalisiert".

Mit dieser malerischen Auflösung des digitalisierten Fotos in die Bestandteile seiner Zusammensetzung könnten für Peter Baldinger und den Betrachter Spuren der entschwundenen Information sichtbar werden, ein "Blow up", das Grenzen sprengt und verborgene Informationen offen legt.

Mit der Reihe "Diffusions", etwa ab 1999,  setzt Baldinger seine Arbeit am Gesicht seiner Welt fort.  An der Stelle des Suchers des früheren Fotoreporters befindet sich nun die Riffelglasscheibe des Malers Baldinger. Mit dieser Technik schiebt sich auch hier zwischen die Person Peter Baldinger und dem darzustellenden Objekt ein Gegenstand, quasi ein voyeuristisches Schutzschild, um die Direktheit der Konfrontation zu mildern.

Der Begriff "Diffusion"  bezeichnet eine chemische Reaktion der "Verschmelzung", "Mischung" und „Durchdringung“ von gasförmigen, flüssigen oder festen Stoffen die miteinander in Berührung kommen. Tatsächlich treffen diese Bezeichnungen auf die Szenen und Porträts in Baldinger’s Arbeitstechnik zu. Das Gesicht, der Körper lösen sich hinter der Riffelglasscheibe auf, die Konturen verbreitern und zerstreuen sich, werden unfassbar, sind durchdrungen vom ungerichteten Lichteinfall und der Materialität der Glasscheibe. Die Erkennbarkeit des individuellen menschlichen Gesichtes wird vom Maler Peter Baldinger diffus gebrochen, unbrauchbar zur Identifikation.

Aus dem selben beabsichtigten Grund nicht geeignet zur Identifizierung ist auch die Reihe der Hinterköpfe „Unidentified“, die Baldinger ab 1999 beginnt.
Seine Porträts  von hinten zeigen hocherhobene Häupter von Personen, die dem Betrachter ihr Gesicht vorenthalten, sich frontal verweigern, das Rätsel ihrer Identifizierung  erschweren.

Nach wie vor sind es die Menschen, die Peter Baldinger faszinieren: "Solange ich denken kann, habe ich Menschen gemalt!". 
2006 kommt es zu einer Serie: Türkische Einwohner der Städte Hallein und Istanbul. Einige von ihnen blicken den Betrachter an, setzen sich den Blicken der Mitmenschen aus und bewahren auch in dieser Form der Präsentation das Geheimnis ihrer Existenz. Die "Unidentified" Serien unterscheiden sich von den klassischen Porträts durch subversives Hintertreiben vordergründiger Wirklichkeit.

Mit "Disinformation", "Diffusions" und "Unidentified", konfrontiert  Peter Baldinger  den Betrachter mit einer negativen Dialektik, die mit einer "Ästhetik des Erhabenen" einhergeht.

Der Philosoph Jean-Francois Lyotard verbindet das Erhabene mit Unendlichkeit, die sich seinem Denken nach nur in einer negativen Form zeigen kann. Baldinger verweigert sich der Endlichkeit indem er Grenzen auflöst, indem er fest gefügte Muster sprengt. Trotzig beharrt er auf der Unendlichkeit des Möglichen, indem er paradoxe Kunst produziert. Und – um sich selbst nicht zu begrenzen – auch immer wieder Menschen in ihrem Sosein. 

Der Kopf, das Gesicht, der Körper des Menschen sind gleichsam Orientierungsmerkmale für den Mitmenschen. Wenn jemand wie Peter Baldinger diese gesicherte Fassbarkeit in Frage stellt, stößt er damit in andere Dimensionen vor, die im Bereich des intuitiven Erfassens liegen, das nicht logisch begrenzt werden kann, also unendlich ist. Erst in der Ungewissheit eröffnet sich Unendlichkeit.  

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